Die Sage vom Breitenfurter Milchrahmstrudel

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Aus „Sagen aus dem Wienerwald" von Theresia Hirschofer.

In Breitenfurt wohnte einst ein Wirt, ein gewisser Franz Stelzer, der ein kleines Gasthaus in der Nähe des Friedhofes besaß und der ein recht aufgeweckter Bursche war. Seine große Leidenschaft aber galt dem Glückspiel, jede Lotterie sponserte er und Karten spielen konnte er nächte- und tagelang. In seiner unmittelbaren Nachbarschaft stand das Schloss Breitenfurt, das ein Hofgünstling vor vielen Jahren dort errichtet hatte. Nun wurde das Anwesen Stück für Stück verkauft.

Und so kam es, dass eines Abends ein merkwürdiger Mann die Gaststube unseres Wirtes betrat und einen Becher Wein bestellte. Nach kurzer Zeit hatte sich zwischen den zwei Männern ein Gespräch entwickelt, und der Franzl hatte erfahren, dass der Fremde gerade die Meierei des ehemaligen Schlosses gekauft hatte. Allerdings bedauerte der Fremde bereits jetzt seinen Kauf, weil er nicht wusste, was er mit den Kühen anfangen sollte.

Der Wirt lachte schelmisch und sagte: „Na, dann spielen wir doch Karten um die Meierei. Mein Wirtshaus setz ich dagegen, na, was ist?" Der Fremde war einverstanden und nur eine Stunde später hatte der Wirt die Meierei gewonnen. Es wurden noch etliche Becher Wein getrunken, und als der Fremde mit einem gewaltigen Rausch die Gastwirtschaft verließ, ging bereits die Sonne auf.
Vom Wein schwer gezeichnet legte sich Franz ins Bett und schlief sofort ein. Er hatte einen merkwürdigen Traum. Seine tote Mutter stand plötzlich vor ihm und sagte: „Franzl, ich weiß, dass Dir jetzt die Meierei gehört, und dass du dir Sorgen machst wegen der vielen Milch. Hör auf mich, und du wirst ein reicher Mann werden!" Dann nahm sie den Franz bei der Hand und führte ihn in die Küche. Dort begann sie unverzüglich einen Strudelteig zu kneten und eine Masse aus Butter, Eiern, Rahm und ein paar anderen Zutaten herzustellen. Diese Masse strich sie auf den Strudelteig, bestreute sie kräftig mit Rosinen und rollte den Teig ein. „Siehst du, Franzl, so musst du das machen. Jede Portion wird jetzt bei Bedarf vom Strudel abgeschnitten, in eine feuerfeste Form gelegt, mit Milch übergossen und im heißen Rohr gebacken. Die Gäste werden begeistert sein. Nenn dieses Gericht den „Breitenfurter Milchrahmstrudel“. Mit diesen Worten verschwand die Mutter.

Als der Franzl am Morgen erwachte, brummte ihm mächtig der Schädel. Ganz langsam erinnerte er sich an die vergangene Nacht, an das glückliche Kartenspiel und an den Traum. Aber furchtbar, er hatte vergessen, wie seine Mutter den Strudel zubereitet hatte. Es wollte ihm nicht mehr einfallen, die Zutaten hatte er vergessen und auch den Namen der Speise. Trübsinnig saß er in seinem Bett und betete zu Gott um die rettende Eingebung, als plötzlich seine Frau im Schlafzimmer stand.

In ihrer Hand hielt sie ein Gefäß aus Steingut, aus dem sie mit einem großen Löffel aß. „Sag einmal Franzl, was hast du denn da gestern gekocht, das schmeckt ja so himmlisch!" Der Franzl rannte sogleich in die Küche, und wirklich, auf dem Küchentisch lag noch die ganze Rolle von dieser herrlichen Speise, die seine Mutter in seinem Traum gemacht hatte.
Und als er sich ein wenig umsah, bemerkte er einen Zettel, auf dem in der ihm so vertrauten Handschrift seiner lieben Mutter das Rezept niedergeschrieben war, und ganz oben auf dem Blatt stand: Der Breitenfurter Milchrahmstrudel. Da weinte der Franzl ein paar Dankestränen. Und die Mutter sollte recht behalten. Der Franzl wurde durch den Breitenfurter Milchrahmstrudel ein reicher und angesehener Mann, und wenn ich mich recht entsinnen kann, wurde er sogar Bürgermeister von Breitenfurt. Dem Milchrahmstrudel aber hatte er alles zu verdanken.